Gebäudeintegration – Was leistet die Allianz BIPV für die Energiewende?

Freitag, den 03. August 2018

Interview zum Thema Gebäudeintegration – Was leistet die Allianz BIPV für die Energiewende? 

Interviewpartner: Sebastian Lange, Vorstandsvorsitzender Allianz BIPV Hermann Issa, Senior Director Business Development & Sales, OPVIUS GmbH und Vorstandsmitglied Allianz BIPV 

Warum Gebäudeintegrierte PV? Brauchen wir das neben der bereits etablierten PV-Anwendungen? 

Sebastian Lange: „Ja, auf jeden Fall. Wenn wir den Ausstieg aus fossilen Energien tatsächlich schaffen wollen, müssen wir die Solarstromerzeugung deutlich erhöhen. Mit gebäudeintegrierten Solaranlagen lassen sich zum einen enorme Flächenpotentiale erschließen. Denken Sie nur an die bislang weitgehend ungenutzten Fassaden von Hochhäusern und Geschossbauten! Zum anderen ist die gestalterische, ästhetische Integration der Solarzellen in die Gebäudehülle der Schlüssel dafür, dass uns auf dem Weg dahin nicht die Akzeptanz in der Bevölkerung verloren geht. Die Photovoltaik erfreut sich einer enormen Beliebtheit. Wahrscheinlich ist dies sogar die Energieerzeugung, die allgemein die höchste Akzeptanz genießt. Aber stellen wir uns einmal vor, wie unsere Dörfer und Städte aussehen würden, wenn wir alle Dächer und Fassaden nun mit dunkelblauen Platten belegen würden! Die Gebäudeintegration ist daher auch eine Frage der Baukultur. Konventionelle PV-Module leisten auf Flachdächern und auf geeigneten Flächen am Boden hervorragende Dienste. Aber an der Gebäudehülle sind sie meistens ein baulicher Fremdkörper. Das wollen wir ändern, indem wir den neuen, ästhetischen Solaranlagen den Weg ebnen.“ 

Hermann Issa: „Es bleibt festzuhalten, dass die Gebäudeintegrierte PV der einzige Weg ist, der Konkurrenzsituation im Flächenverbrauch entgegenzuwirken. Die Konvertierung von landwirtschaftlichen Nutzflächen hin zur Energieerzeugung verschärft weltweit die Preisentwicklung in der Lebensmittelproduktion für eine stetig wachsende Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten. Ein ebenso wichtiger Punkt ist eine Dezentralisierung der Energiesysteme. Durch eine konsequente Integration der Energieerzeugung in unser urbanes Umfeld, kommen wir dem Ziel einer Dezentralisierung der Energieversorgung und damit einer nachhaltigen Versorgungs-stabilität ein großes Stück entgegen. 

Sie differenzieren Beide sehr stark zwischen der Konventionellen PV in Bestandsanwendungen und BIPV – was ist die Grundlage hierfür und warum gehört zum Beispiel eine Dachanlage nicht zum Bereich BIPV? 

Hermann Issa: „Grundsätzlich ist jede gebäudenahe Anwendung von erneuerbaren Energien Richtig und Wichtig. In unserem Verständnis unterscheiden sich BIPV Anwendungen vom zugrunde liegenden Geschäftsmodell der bestehenden Dachanlagenkonzepten, da es letztlich darauf ankommt, unter welchen Gesichtspunkten die Anlage betrieben wird: Einem renditegetriebenen Investitionsansatz, oder dem Wunsch nachhaltig Energie zu erzeugen und einem Verbraucher zur Verfügung zu stellen. Um einen solchen nachhaltigen Markt für Photovoltaik-Produkte in Europa zu entwickeln, sind neue Produkte notwendig. Um konventionelle Bauanwendungen, wie Glasfassaden, Fassadenelementen oder Sandwichpanelen neu auszurichten, bedarf es Kombinationen derselben mit innovativen Technologien. Nur über diesen Weg werden wir verlorene Marktanteile in dem wichtigen Photovoltaikmarkt zurückgewinnen und auch Arbeitsplätze bei den Herstellern von Bauprodukten sichern. Wie bei nahezu jedem heute üblichen Bauprodukt ist dabei ein hohes Maß an Individualisierung notwendig. Dies ist nur durch eine lokale Versorgungskette zu realisieren. Ein Massenprodukt aus Fernost kann dies nicht leisten. 

Sebastian Lange: „Gebäudeintegrierte Solaranlagen sind selbstverständlich auch im Dach möglich. Bislang werden die Dächer jedoch meistens dafür genutzt, um hierauf konventionelle PV-Module zu befestigen. Eine Integration in das eigentliche Dach findet nur ganz selten statt, jedenfalls in Deutschland. Das hat mehrere Gründe. Wenn wir zum Beispiel nach Frankreich blicken, stellt sich dies ganz anders da. Dort sehen wir deutlich mehr integrierte Anlagen. Das zeigt uns, dass eine Dachintegration durchaus möglich ist. Und zwar mit Modulen, die speziell für die Dachintegration entwickelt wurden, beispielsweise Solarschindel. Oder auch mit klassischen Modulen, die mit Hilfe spezieller Trägersysteme in die Dachflächen integriert werden.“

Wie stellen Sie sich die Situation in 20 Jahren vor: Wie wird die PV-Industrie dann aussehen? 

Hermann Issa: „Wie bereits angemerkt ist der heutige Erfolg der Photovoltaik auf ein einfaches Geschäftsmodell zurückzuführen: Rendite für Investment. In Zukunft werden wir über „Energieeffizienz“ sprechen und demnach handeln müssen. Es ist ja nicht sinnvoll die Erzeugung, unabhängig vom Verbrauch, zu belohnen. Die Auswüchse sehen wir schon heute: Subventionierter Solarstrom wird mit negativen Preisen an der Strombörse gehandelt, während gleichzeitig Vergütung an konventionelle Kraftwerke erfolgt, um die Grundlastsicherung zu ermöglichen. Es darf zukünftig nicht mehr darauf ankommen, möglichst viel Geld für die Erzeugung von Strom zu erhalten, sondern vielmehr über gesetzliche Vorgaben für Energieeffizienz bzw. dem zunehmenden Druck durch die Preisentwicklung der konventionellen Energieträger, wie Kohle, Gas und Öl zu einer nachhaltigen Erzeugung und Nutzung zu gelangen. Langfristig wird durch die Substitution von fossilen Energieträgern im Bereich des Gebäudes, aber auch in der Mobilität, Stichwort Elektroauto, der Bedarf an Strom extrem steigen. Dies wird dazu führen, dass wir alle verfügbaren Gebäudeflächen, egal ob Fassade Dach oder andere Bauwerkteile zur Energieversorgung benötigen werden. Wir werden in 20 Jahren die Photovoltaik als elementaren Bestandteil von Gebäudehüllen sehen. Wobei sich hier „Sehen“ nicht auf die visuelle Form des Sehens beziehen soll. Es soll die Funktion der Photovoltaik vorhanden sein, aber nicht in der Optik wie sich die PV heute darstellt, sondern in einer Weise, dass PV in Bezug auf Form und Farbe in der Gebäudehülle aufgehen wird.“ 

Sebastian Lange: „Die PV-Branche wird jedenfalls anders aussehen als heute. PV ist jetzt schon die Stromerzeugung mit den niedrigsten Gestehungskosten. Hinzu kommen neue Techniken und Anwendungen. Denken wir nur an die faszinierenden Möglichkeiten, die die organische PV verspricht. Die PV wird daher in Zukunft deutlich präsenter werden und in viele neue Bereiche vordringen und, wie durch Herrn Issa angeführt, insbesondere in der Gebäudehülle. Neben den bereits etablierten PV-Unternehmen werden daher vermehrt Unternehmen in Erscheinung treten, die spezielle Lösungen für die Integration anbieten. Man könnte auch sagen: mehr Masse, aber auch mehr Klasse!“ 

Herr Lange, was kann die Allianz BIPV dazu beitragen und welche Ziele verfolgen Sie konkret? 

Sebastian Lange: „Ziel der Allianz BIPV ist nichts geringeres, als die gebäudeintegrierten Solaranlagen zur Selbstverständlichkeit zu machen. Die BIPV soll endlich aus der Nische in die breite Anwendung geführt werden. In der Allianz BIPV haben sich bereits viele namhafte Unternehmen und Forschungseinrichtungen zusammengefunden, die gemeinsam daran arbeiten wollen, die bestehenden Hemmnisse systematisch abzubauen. Das geht jedoch nur, wenn sich die BIPV-Branche untereinander besser vernetzt und gemeinsame Positionen formuliert. Jede neue Technik braucht eine starke Stimme, die sich für sie einsetzt. Und je glaubwürdiger sie für die Technik und für die Branche insgesamt sprechen kann, desto mehr Gehör wird diese Stimme finden. Deshalb freut es mich auch sehr, wenn wir beispielsweise mit der OPVIUS eine weitere Vertreterin der OPV in unseren Reihen haben. Wir sollten uns bemühen, alle Facetten und Spielarten der BIPV in unserem Verband zu vereinen. Ebenso freut es mich sehr, dass wir neben den Herstellern auch die Forschung und Lehre und auch die Planer und Berater mit im Boot haben. Vor uns liegt noch ein langer Weg. Jeder, der ein Interesse daran hat, die BIPV in möglichst viele Häuser zu bringen, ist herzlich eingeladen mitzumachen.“ 

Herr Issa, warum braucht es dazu eine Interessensgemeinschaft wie die Allianz BIPV? 

Hermann Issa: „Wir stehen heute vor einer ähnlichen Situation wie vor 25 Jahren als aus kleinen Firmen, die an die Idee der Photovoltaik als energieproduzierende Schlüsseltechnologie glaubten, sich ein Markt entwickelte und ein Produkt entstand, das heute weltweit erfolgreich verkauft und eingesetzt wird. Heute sind es die Unternehmen die im Bereich der Gebäudeenergieeffizienz versuchen mit neuen Konzepten und Strategien eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Die Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Anwender benötigen eine Struktur, welche den Austausch von Informationen und Know-how ermöglicht und eine Plattform, auf der die grundlegenden Ideen gezeigt und gesehen werden können. Besonders wichtig ist für Anwendungen von den politisch Handelnden in den Ländern, dem Bund und Europa besser wahrgenommen zu werden. Die Allianz BIPV bietet hierfür die perfekte Bühne um einen entsprechenden Rahmen zu schaffen.“ 

Dazu eine Nachfrage, Herr Issa, Sie sind im April in den Vorstand der Allianz BIPV gewählt worden: Welche konkreten Ziele wollen Sie in den nächsten 2 bis 3 Jahren umsetzen? 

Hermann Issa: „Grundlegendes Ziel muss es sein ein möglichst umfassendes Netzwerk aufzubauen, um die Vielzahl der Beteiligten zusammen zu bringen. Ebenso ist es wichtig eine vielschichtige Kommunikation zu den politischen Vertretern zu etablieren. Beides sind Ziele, die wir in den kommenden Jahren mit Nachdruck verfolgen werden.“ 

Mittlerweile ist die PV Industrie innerhalb von wenigen Jahren vollständig internationalisiert. Unternehmen rund um den Globus konkurrieren miteinander. Wird sich die BIPV ähnlich entwickeln und ist es sinnvoll diese Entwicklung mit einer relativ lokal verorteten Interessengemeinschaft zu begleiten? 

Hermann Issa: „Es handelt sich bei der BIPV nicht um ein austauschbares Massenprodukt, welches sich unter den immer selben Bedingungen herstellen lässt. Vielmehr reden wir hier über komplexe Systeme, welche individuell geplant und gebaut werden müssen. Was eine Nähe zum Kunden notwendig macht. Bei Bauprodukten spielen Zulassungen und Genehmigungsfragen und damit die Kenntnis über die lokalen Marktbegebenheiten eine immens wichtige Rolle. Darüber hinaus werden Bauprodukte, immer da wo es auf hohe Qualität ankommt, von hiesigen Unternehmen auch weltweit beliefert. Im Gegensatz dazu erlauben die klassischen, vollkommen standardisierten PV-Module eine Produktion, dort wo die Produktion am günstigsten ermöglicht werden kann. Das führt dazu, dass diese mittlerweile fast ausschließlich in Fernost produziert werden. 

Sebastian Lange: „Das sehe ich ganz genau so. Die Internationalisierung macht insgesamt auch vor der BIPV-Branche nicht Halt, wenn auch anders als im klassischen PV Markt. Das können wir jetzt schon beobachten, auch innerhalb unserer Mitgliedsunternehmen. Ich sehe das auch noch nicht so kritisch. Nehmen wir nur die Beteiligungen chinesischer Unternehmen an europäischen Herstellern von BIPV-Komponenten: Aus China kommt nicht nur frisches Geld, China ist auch ein gigantischer Markt für die BIPV. Und gerade dort gibt es mittlerweile ein großes Interesse an diesen Anwendungen. Wir müssen nur aufpassen, dass der Zug nicht ohne uns abfährt. In Asien, in Amerika und auch im arabischen Raum läuft man sich gerade warm, um die BIPV auf ein ganz neues Level zu hieven. Wenn wir hier in Europa es nicht schaffen, die Gebäudeintegration der PV zur Selbstverständlichkeit zu machen, dann werden es andere machen. Wir, als Allianz BIPV, arbeiten daran, dass dies so nicht eintreten wird. Tatsächlich ist unser Fokus noch vor allem auf Deutschland gerichtet. Aber die Allianz BIPV ist bewusst nicht auf Deutschland beschränkt. Wir haben Mitglieder aus fünf verschiedenen Ländern, mit Interessenten aus weiteren Staaten sind wir im Gespräch. Auch die Allianz BIPV wird also zunehmend internationaler. Wir freuen uns über jedes neue Mitglied, gleich aus welchem Land.“ 

Wie stehen wir dann im internationalen Vergleich heute dar? 

Hermann Issa: „Eher unscheinbar. Durch den Höhenflug und anschließenden Absturz der Photovoltaik Industrie sind alle Beteiligten aus Industrie, Politik und Gesellschaft generell sehr zaghaft, wenn es Photovoltaik betrifft. Dies ist eine Folge aus der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Zu dem Zeitpunkt des PV-Booms haben wir kein Konzept entwickelt, dass die Brücke zu einem der Energiebilanzierung zugewandten Markt herstellt. Heute sind große Teile, eben jener damals untätigen Politik, immer noch durch den Schock des Niederganges der deutschen PV Hersteller wie gelähmt und erkennen zudem immer noch nicht die elementaren Unterschiede und die sich hieraus ergebenden Chancen. In vielen anderen Ländern in Europa, aber ganz speziell außerhalb Europas, ist die Entwicklung wesentlich weiter fortgeschritten. Es gibt eine Vielzahl von Ländern, die bereits heute den Einsatz erneuerbarer Energien in Neubauprojekten direkt vorschreiben. Andere Länder haben Belohnungsmechanismen etabliert. In beiden Fällen geht es immer um die resultierende Energiebilanz des gesamten Bauwerks. Die Fragestellung nach der Rendite ist hier nicht mehr unmittelbar anzutreffen sondern findet in komplexeren Zusammenhängen statt. Langfristig erwarten wir, dass die Integration von Erneuerbaren Energiequellen in Gebäuden so selbstverständlich wie zum Beispiel der Brandschutz wird. Dieser unterliegt auch keiner direkten Renditebetrachtung, sondern zielt auf eine Verbesserung der Lebensqualität für die Allgemeinheit ab.“ 

Was wünschen Sie sich vom Gesetzgeber? Welche Hürden müssen überwunden werden, um die BIPV stärker im Markt zu verankern? 

Sebastian Lange: „Wichtig ist vor allem, Rechtssicherheit zu schaffen. Häufig ist in der Praxis nicht klar, welche Regularien beim Einsatz der verschiedenen BIPV-Komponenten zu beachten sind. Das liegt vor allem daran, dass der Gesetzgeber die Besonderheiten der gebäudeintegrierten PV nicht immer kennt oder entsprechend würdigt. In der Sache muss es aber auch darum gehen, der dezentralen Stromerzeugung im Gebäude den erforderlichen Raum zu geben. Man kann den Einsatz neuer Techniken auch durch eine Überregulierung verhindern. Das gilt vor allem für das Energierecht, aber auch für das Baurecht.“ 

Letzte Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die 3 wichtigsten Faktoren, um mit BIPV langfristig ein ähnliches Marktpotential, wie bei der klassischen PV zu erschließen? 

Hermann Issa: „Erstens, eine direkte Anrechenbarkeit von Solarstrom in die Gebäudebilanz. Zweitens, eine Überarbeitung traditioneller, und teils veralteter, Baunormen und Vorschriften. Diese erschweren aktuell den Erfolg innovativer Produkte. Und Drittens, eine Anpassung des Energiewirtschaftsgesetzes und des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Bereich des Stromhandels und Netzbetriebes.“ 

Sebastian Lange: „Wir brauchen neben den speziellen, maßgeschneiderten Anwendungen auch standardisierte BIPV-Produkte, die für den Massenmarkt taugen. Davon gibt es bereits einige. Und diese Produkte müssen so einfach in der Anwendung sein, dass jeder Architekt sie einplanen und jeder Dachdecker und Fassadenbauer sie einbauen kann. Also, Vereinfachung und Wissenstransfersind nötig. Darüber hinaus müssen aber auch die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessert werden. Daran müssen wir alle gemeinsam arbeiten.“ 

Vielen Dank für das Interview!